„Der narrative Ansatz in der Mediation“, Leipzig, 13.- 14.11.2015
Der kurze Bericht eines Teilnehmenden
Das Leipziger SIM e.V. bot einmal mehr eine höchst interessante Fortbildungsveranstaltung an:
Frau Dr. Hanna Milling, die einzelne SIM e.V.-Vorstandmitglieder beim letzten Mediationstag in Jena gehört hatten, stellte an eineinhalb Seminartagen ihr ausgewiesenes Spezialgebiet ausführlich vor: „Die Arbeit an und mit (Konflikt-)Geschichten“. Dr. Hanna Milling hat ein Studium der Sprachen-, Wirtschafts- und Kulturraumstudien absolviert und in Philosophie promoviert. Sie ist ausgebildete Mediatorin und Ausbilderin für Mediation, außerdem Klärungshelferin. Sie arbeitet als Dozentin, Mediatorin, Klärungshelferin, Trainerin, Coach.
Alle wissen um die entspannende, unterhaltende Funktion, die Geschichten haben können. Die wenigsten aber wissen wohl bewusst um die „technische“ Wirkung, die das Erzählen von Geschichten in Konflikten erzielen kann. Geschichten schaffen eine hilfreiche Distanz zum eigenen Problem, spiegeln den Konfliktparteien das eigene Denken und erleichtern so die Kommunikation zwischen den Beteiligten. Oft wird durch eine Geschichte ein Perspektivwechsel eingeleitet bzw. eine Erweiterung der eigenen Perspektive erreicht und damit die Phantasie, auch für Lösungsräume, angeregt.
Dr. Milling führte die Wirkung von Geschichten überaus anschaulich vor, indem sie einzelne Beispiele lebhaft vortrug. Das so selbst Erlebte verdeutlichte die besonderen Effekte von Geschichten. Dr. Milling erläuterte anschließend auch für Laien verständlich die biologische Ursache für diese Wirkung: Im Gegensatz zu rationalen und Sachargumenten sind Geschichten nämlich in der Lage, die emotional bedeutsamen Areale des menschlichen Gehirns direkt anzusprechen und zu beeinflussen. Geschichten rufen immer auch Emotionen hervor, ohne dass sich die Zuhörenden gegen diese Wirkung sperren könnten.
Aus einer konkreten Sammlung von Geschichten untersuchten die Teilnehmenden in Kleingruppen die von diesen ausgehende Effekte, die damit verbundenen Botschaften und mögliche praktische Anwendungsfälle, um sich anschließend dem konkreten „Gewusst wie“ zu widmen. Dr. Milling empfahl konkret, sich bei der Auswahl der zu einem Mediations-Setting passenden Geschichte auf die eigene Intuition zu verlassen. Auch die Geschichten Erzählenden sollten sich auf deren besondere Bildsprache einlassen. So kann das „Storytelling“ als Intervention von Mediierenden bewusst eingesetzt werden.
Im zweiten Teil der Veranstaltung stellte Dr. Milling den „narrativen Ansatz in der Mediation“ vor, eine von den Amerikanern John Winslade und Gerald Monk entwickelte Sicht- und Arbeitsweise. Nach Winslade und Monk ist jeder Konflikt eng mit einer eigenen Konfliktgeschichte verbunden. Alle Medianten erzählen ihre Geschichte und damit stets ihre eigene Konfliktgeschichte. Ziel erfolgreicher Mediation muss es darum sein, mit den Beteiligten zunächst diese individuellen, negativen Geschichten zu dekonstruieren und anschließend eine gemeinsame Konfliktlösungsgeschichte zu finden und zu erzählen.
Dr. Milling schloss die Veranstaltung mit einem intensiven Blick auf besondere, nämlich „Goldene Momente“, „unique outcomes“ in solchen Konfliktgeschichten. Sie empfahl Mediierenden, solche Details und Aspekte, gleichsam wie Goldkörnchen, zu erforschen, zu finden und zu bergen, sie wahrzunehmen und hervorzuheben. Solche besonderen Momente seien oft der Schlüssel zur Konfliktlösung.
Die gut besuchte Veranstaltung fand in gewohnt familiärer Atmosphäre im Hotel Leipziger Hof statt. Der heterogene Kreis der Teilnehmenden aus den verschiedensten Bereichen der Mediation förderte zusätzlich den vielzitierten „Blick über den Tellerrand“. Auf die in 2016 anstehende Veröffentlichung einer Geschichtensammlung von Frau Dr. Milling darf man gespannt sein.
Der Autor dieser Zeilen dankt Frau Dr. Milling und dem gesamten Organisations-Team des SIM für diese lehrreiche, unterhaltsame, spannende und hervorragend organisierte Veranstaltung!
Michael Eichhorn, Chemnitz/Düsseldorf
Steuerberater, Wirtschaftsmediator (IHK)
erstellt am: 12.01.2016 von Johanna Andrae